Sonntag, 16. März 2008

Confessions of a postmodern mind

Ich hab schon länger das Gefühl, dass irgendwas anders ist als früher. Eigentlich auch nicht irgendwas, sondern alles: Die Welt, die Gesellschaft, die Christen, meine Generation, ich - wir alle sind anders. Anders als Generationen vor uns. Anders als Christen vor 20, vor 50 Jahren. Vieles fühlt sich nicht mehr passend an. Wir hören Predigten, stoßen auf Formen, die uns seltsam unberührt lassen oder unseren Glauben einengen statt beflügeln. Wir spüren diese starke Sehnsucht nach Gott und echter Gemeinschaft, aber sie ist eine andere, als die unserer Eltern. Wir nehmen die Welt anders wahr, interessieren uns neu für die Gesellschaft. Was ist los mit uns? Nach einigem Nachdenken, lesen und reden hier eine Spurensuche unserer Generation und ein paar Gedanken dazu, wie wir unseren Glauben leben werden, wie wir die Zukunft der Kirche gestalten werden.

Unsere Familien sind anders
Wir kommen nicht mehr alle aus einer behüteten Zwei-Eltern-Familie. Wir kennen zwar alles, was man sich an Patchwork vorstellen kann, aber sehnen uns nach mehr Familie und Heimat.

Unsere Beziehungen laufen anders
Grundsätzlich passiert alles früher -- nur Heiraten viel später. Wochenend- und Fernbeziehungen sind normal. Wir haben viele verschiedene Partner bis zu „dem Einen“. Wilde Ehen, kinderlose Ehen frühe Scheidungen und mehrere Ehen sind nicht ungewöhnlich.

Unsere Ästhetik ist anders
Wir sind MTV-Kids. Bilder sagen mehr als Worte. Wir sind in einer sexualisierten Welt aufgewachsen. Tabus hat's mal gegeben. Wir sind die Zielscheibe von Werbung auf allen Kanälen. Wir wissen, dass alle Werbung lügt und konsumieren trotzdem. Wir wissen, dass das Ideal der Werbung nicht existiert und streben trotzdem danach. Wir sind sinnlich. Ganzheitlichkeit ist Trumpf. Alle Sinne wollen etwas erfahren. Sex gehört dazu. Genießen ist angesagt. Wir hören nur noch die Musik, die uns gefällt - egal ob christlich oder nicht. Worship ist die Ausnahme, aber ich höre ihn in meinem Stil.

Unsere Haltung der Gesellschaft gegenüber ist eine andere
Wir wissen, dass das System verlogen ist und an vielen Stellen versagt, aber begehren nicht mehr dagegen auf. Auch nicht gegen unsere Elterngeneration. Wir akzeptieren die gesellschaftliche Ordnung und versuchen darin unser eigenes Ding zu machen. Wir sind nicht politisch, denn das ist zu stressig. Die wenigen Aktiven werden eher belächelt. Es gibt keine allgemeingültige Meinung zu politischen Themen, auch keine breite Bewegung -- außer für unseren persönlichen Wohlstand und gegen den Irak-Krieg.

Unsere globale Situation ist anders
Wir können alles sehen, hören, wissen, was wir wollen, denn wir leben im Netz. Wir kennen die ganze Welt aus den Medien. Wir haben überall mit anderen Kulturen zu tun, waren schon in x Ländern unterwegs. Fliegen ist so gewöhnlich wie Zug fahren. Wir machen keinen Urlaub, wir reisen. Wir denken international, Englisch ist Weltsprache und McDonald's bietet uns weltweit kulinarische Sicherheit.

Unser Denken ist anders
Pluralismus ist normal und nicht angstbesetzt. Traditionen werden radikal in Frage gestellt, nach ihrer Relevanz bewertet und aussortiert, was nicht paßt. Bibel, Kirche, Theologie, Wahrheit und Ethik gehören dazu. Alles ist relativ. Wahr ist nur, was ich erleben und anfassen kann. Es gibt viele Religionen, die ihren Platz in der Welt haben. Wir können zwar alles wissen, aber irgendwann hat Wissen keinen Reiz mehr. Dann beginnt die neue Suche nach dem, was relevant ist, nach Leben, Sinn, Erfüllung, Transzendenz, denn wir haben gerade keine Werte mehr. Wir wollen gute – zur Not auch alte – Werte zurückerobern und frisch leben.

Unser Lifestyle ist anders
Wir fühlen uns zugehörig, wenn etwas relevant ist. Verbindlichkeit gegenüber Institutionen und Ideologien ist vorbei. Greenpeace hat mehr Autorität als der Papst. Ökoaktivismus erscheint uns geistlicher und wichtiger als viele Gottesdienste. Wir konsumieren ohne Überzeugung: Bio oder fair trade und gleichzeitig Starbucks und Dunkin' Donuts. Wir leben exzessiv und gleichzeitig bewusst: totale Party, Grenzerfahrungen und Müsli nach dem Joggen. Wir sind pragmatisch und sehnen uns gleichzeitig nach Erfüllung, die den Pragmatismus überwindet: Sinn, Ganzheitlichkeit, Klarheit, Überzeugungen. Pragmatismus kann nicht alles sein, aber klare Überzeugungen gibt's auch keine mehr. Die erste Lebenskrise haben wir mit 25, die Quarterlife-Crisis.

Unsere Ziele sind andere
Wir wollen unser Ding machen. Dafür geben wir alles. Wir holen so viel raus wie geht. Erst mal ich und dann die anderen. Für uns nur das Beste. Alles Zweitbeste lassen wir links liegen – auch Gemeinden, wenn sie sich nicht ändern.

Unsere Einstellung zur Arbeit ist anders
Wir hatten endlos viele verschiedene Jobs, seit wir 13 waren. Wir suchen berufliche Erfüllung -- machen aber auch den Job, der uns gerade vor die Füße fällt. Wir sind flexibel, rechnen nicht mehr mit dem Beruf fürs Leben und finden das o.k.

Unser Gottesbild ist anders
Wir haben keine Angst mehr. Wir brauchen nicht von einem negativen Gottesbild befreit zu werden. Gott ist für uns. Gott ist gut, positiv, manchmal harmlos. Wir sehen Gott als Partner und Gegenüber. Der Heilige Geist wird nicht mehr übersehen. Gott ist trinitarisch und damit voll multitaskingfähig. Er ist da, real, nah und fern.

Unser Selbstbild ist anders
Wir stehen im Mittelpunkt. Alle finden uns wichtig – zumindest als Konsumenten. Wir sind egoistisch -- frech geht vor. Wir nehmen unser Schicksal selbst in die Hand. Wir sind selbstbewusst und wollen gesehen werden. Wir fühlen uns von Gott geliebt.

Unsere Weltsicht ist anders
Da draußen ist nicht die böse Welt -- es ist einfach die Welt um uns herum. Wir sind gerne Teil dieser Welt und nicht von ihr getrennt. Wir gehören zur globalen Jugendkultur, sind zeitgeistkompatibel. Viele Ismen sind vorbei: Kommunismus, Humanismus, Materialismus, Atheismus. Übrig sind Kapitalismus, Fundamentalismus, Fatalismus und jede Art von erdverbundener Spiritualität oder Esoterik.

Unsere Art Bibel zu lesen ist anders
Sie ist die große Geschichte Gottes mit den Menschen. Sie legt mich aus -- und weniger ich sie. Sie ist kein Steinbruch für theologische Akrobatiken und keine ethische Gebrauchsanweisung für das Leben.

Unsere Spiritualität ist anders
Wir wollen Spiritualität. In neuen Formen. Wir wollen unser Leben mit anderen gemeinsam leben und gleichzeitig unserer Individualität Ausdruck verleihen. Wir haben keine Berührungsängste gegenüber anderen geistlichen Traditionen. Wir integrieren Spiritualität von außerhalb des Christentums in Formen von Meditation, Sinnlichkeit, Ästhetik, Lifestyle.

Unsere Vorstellung von Kirche ist anders
Wir wollen Kirche gemeinsam gestalten, weiterentwickeln und relevant leben. Diese Kirche ist zeitgemäß, inkarnatorisch, missionarisch, in der Welt, flexibel, gabenorientiert, pragmatisch, ehrlich, ganzheitlich, sinnlich, gastfreundlich, spirituell, neoliturgisch, politisch, diakonisch. Sie braucht keine Hierarchie und auch keine Konfession.

Unsere Glaubensüberzeugungen sind anders
Wir glauben an die Schöpfung und die Evolution. Wir glauben, dass Menschen durch Jesus zu Gott kommen -- und manche auch anders. Wir brauchen keine Hölle, um an den Himmel zu glauben. Und wir brauchen sie auch nicht, um Menschen für Jesus zu begeistern. Wir sind nicht mehr konfessionell. Wer glaubt, wird an seinem Herzen erkannt, nicht an seinem Dogma. Wir denken nicht in Konfessionen, sondern in Bewegungen und Netzwerken. Eine wissenschaftliche, apologetische, verwaltende Theologie ist uns suspekt und wir verzichten auf den Kampf um absolute Wahrheiten.

Wir haben ein großes Problem
Wir wissen, dass vieles mit der Welt und uns ganz grundsätzlich nicht mehr stimmt. Noch haben wir nur eine vage Ahnung, was uns helfen könnte. Die bisherigen Ideologien und Antworten sind verbraucht, Institutionen und Autoritäten unglaubwürdig. Wir fragen uns manchmal, wo Gott ist. Überall? Nirgends? In mir? In allen Religionen? In der Natur? In Jesus! Wir spüren, dass aus seiner Richtung Heilung kommt.

Wir sind jetzt so geworden und brauchen nie wieder in alte Schemata zu passen. In den kommenden Jahren werden wir noch einige Kompromisse zwischen Leben, Denken und Glauben bestehender Generationen aushandeln. Aber es wird nicht mehr lange dauern, bis wir komplett in einer neuen Zeit leben. Diese neue Zeit gilt es zu gestalten! Wir müssen etwas Neues schaffen. Denn dieses Neue gibt es noch nicht. Ein paar Zeichen und Wege sind zu erahnen, aber das sind noch vage Spuren, die wie Fußspuren unter frisch gefallenem Schnee verschwinden. Am Anfang kannst du ihnen noch folgen, aber dann musst du den Weg selber finden ... Es gilt aufzustehen, Neues zu denken, Neues zu entwickeln, die Welt zu erobern!

1 Kommentar:

Matthias hat gesagt…

Hatte Jesus nicht gesagt, wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst? Paulus, dass wir uns nicht dieser Welt gleich stellen sollen?
Mit so einem Bekenntnis kann man sich ja wohl nicht mehr Christ nennen, oder?
Es erfüllt sich, was Paulus in 2. Tim 3:1-5 schreibt.
aber die Bibel ist ja auch relativ...